Nachbarn erzählen

Die Legende vom Weihnachtsstern

Tanzende Schneeflöckchen geben dem Armutsviertel einen Hauch Romantik. Schneekristalle  glitzern in der Dunkelheit. Einsamkeit kriecht durch die spärlich beleuchtete Straße. Sophie kneift die Augen zusammen. Ihr Atem gefriert. Ein kleines Mädchen. Allein. Wieder einmal hatte sie sich unbemerkt aus der Wohnung geschlichen.
Sophies Schwester sagt immer, dass Weihnachten nur ein Märchen sei, doch Sophie glaubt an den Weihnachtsmann. Eines Tages, so hofft sie, wird sie Santa Claus begegnen. Ihren Gedanken nachhängend, verlässt sie unbemerkt ihre vertraute Route und biegt in eine Nebenstraße ab. Sie geht immer weiter. Langsam wirkt alles befremdlich. Sie läuft nach links, nach ihrem Gefühl müsste sie gleich zur großen Straße kommen, doch geradeaus geht es nicht weiter. Ein riesiger Zaun versperrt den Weg. Links oder rechts oder zurück? Als sie hinter sich drei Männer bemerkt, biegt sie kurzerhand links ab. Die Gasse wird immer schmaler. Ein hässliches Graffiti, ein Totenkopf, inmitten einer bröckelnden Hausfassade, bohrt sich direkt in Sophies Augen. Schnell wendet sie sich ab. Schatten tanzen in der Nacht. Ihre Schritte werden schneller. Es ist unheimlich hier. Immer wieder dreht sie sich um. Die Männer laufen mit Abstand hinter ihr her. Die Gasse endet. Sie kommt zu einem Haus. Es ist ein Gottes-Haus. Sie öffnet die schwere Eisentür. Das Mädchen betritt die Kirche. Hier fühlt sie sich sicher. Kerzen übersäen den Altar. Die Halle ist menschenleer. Sophie setzt sich in die zweite Reihe, starrt in die flackernden Lichter. Wie lange soll sie jetzt hier sitzen?

Wie kommt sie nach Hause?

Es knackt hinter ihr. Blitzartig reißt sie den Kopf nach hinten. Ein greisenhafter Mann zieht schwerfällig die Beine abwechselnd über den Fußboden. Sophie rutscht tiefer in die Bank hinein, mummelt sich in ihre viel zu große Jacke. Es wird still. Der alte Mann hat sich schräg hinter sie gesetzt. In ihren Gedanken rennt Sophie schon aus der Kirche.
„Hallo“, sagt der alte Mann. Zögerlich, die Hände tief in der Jacke vergraben, dreht sie sich um. Das Gesicht des Mannes wirktfreundlich, sein Haar ist mit Schnee bedeckt.
„Wo sind Deine Eltern?“, fragt er mit tiefer Stimme.
„Meine Mama ist zu Hause.“ „Was machst Du so spät allein hier?“
„Ich hab mich verlaufen“, flüstert Sophie und dreht sich wieder nach vorn.
Es ist für einen Moment lang still. Der Mann räuspert sich. „Was macht ein so junges Ding um diese Uhrzeit überhaupt noch auf der Straße?“
Sophie holt tief Luft. Sie richtet sich auf und dreht sich nach hinten. „Ich hab mich rausgeschlichen.
Ich bin auf der Suche nach Santa Claus!“
„Santa Claus?“

„Ja! Er ist der Einzige, der meiner Schwester helfen kann!“ Der alte Mann beugt seinen Kopf nach vorne. „Was ist mit Deiner Schwester?“ „Marie … Sie ist schwer krank! Die Ärzte können ihr nicht helfen.“ Die Augen des kleinen
Mädchens werden glasig. Der Mann tätschelt Sophies Kopf, lehnt sich nach hinten.

„Ich erzähl Dir jetzt etwas. Hör gut zu! Es ist die Legende vom Weihnachtsstern: Früher warteten die Menschen auf die Nacht zwischen Heiligabend und Weihnachten. Es war die Nacht des Weihnachtssterns. Der Stern leuchtete ganz hell am Himmel, er glühte förmlich. Genau in dieser Nacht wünschte man sich etwas. Etwas für einen Menschen, der einem nahe steht. Und man erzählte sich, dass bei jenen Menschen, deren Herz rein war, der Wunsch in Erfüllung ging.“ Sophies Augen werden groß. Sie hängt an den Lippen des knöchernen Greises.
„Morgen ist Heiligabend!“, bringt sie laut hervor. Er lächelt und nickt. „Komm! Ich werde Dich nach Hause bringen! Deine Mutter ist sicher krank vor Sorge!“
„Ja. Wenn sie bemerkt hat, dass ich nicht im Bett bin, dann schon.“
Gemeinsam verlassen sie die Kirche. Vor der Tür steht ein Taxi. Sophie gibt dem Fahrer ihre Adresse. Es dauert nur wenige Minuten, bis sie den Wohnblock erreichen. Der Greis schlürft langsam neben Sophie die Treppen hoch.
„Versprich mir, dass Du nie wieder nachts alleine durch die Straßen läufst!“, sind seine letzten Worte. Er zwinkert dem Mädchen zu, dreht sich um und geht.
Die Wohnungstür öffnet. „Wo warst Du?“, fragt ihre Mutter unter Tränen. „Oh Gott, ich bin so froh, dass Du wieder da bist!“ Sie geht in die Hocke, nimmt Sophie in die Arme und drückt sie ganz fest an sich.
„Tut mir leid, Mama!“ Ein lautes Husten ertönt aus dem Kinderzimmer. Die Mutter bringt Sophie ins Bett und schaut nach Marie.
Als der nächste Morgen anbricht, steht Sophie auf und setzt sich auf das Bett ihrer Schwester. Sie stupst sie an. Marie dreht sich um. Sie ist blass. Sophie erzählt ihrer Schwester die Geschichte vom Weihnachtsstern.
Marie lächelt: „Deine Phantasie ist unglaublich! Ich würde gern noch etwas schlafen. Sei nicht böse!“ Sophie verlässt das Zimmer. Warum glaubt Marie ihr bloß nicht? Aber sie wird schon sehen!
Ungeduldig wartet sie auf den Abend. Ein geschmückter Tannenzweig liegt auf dem Wohnzimmertisch. Einen Weihnachtsbaum können sie sich nicht leisten. Die Mutter hat Plätzchen gebacken. Es duftet nach Zimt. Für einen Augenblick vergessen die Mädchen ihre Sorgen. Es ist spät, als die Kinder ins Bett gehen. Als Marie eingeschlafen ist, geht Sophie zum Fenster. Sie drückt ihren Bären ganz fest an ihren Oberkörper und schaut zum Himmel. Ganz oben sieht sie den Weihnachtsstern. Er leuchtet so hell, als wollte er die Nacht zum Tag machen. Ihre Augen glänzen,
spiegeln den Stern in ihren Pupillen. Sie schließt sie und flüstert ihren Wunsch zum Himmel. Als
sie die Augen öffnet, beginnt der Stern zu funkeln. Einen Moment beobachtet sie das Schauspiel. Als der Stern schwächer strahlt, legt sie sich zurück ins Bett. Sie schläft ein.

Der nächste Tag

Früh am Morgen erwacht Sophie aus ihrem Schlaf. Sofort läuft sie zu ihrer Schwester ans Bett und weckt sie ungestüm: „Schwesterherz. Wie geht es Dir heute?“ Immer wieder rüttelt sie an ihrer Schulter. Doch Marie wirkt benommen. Ihre Haut ist blass, und sie hustet kränklich. Sophie starrt aus dem Fenster. Der alte Mann hatte sie belogen! Oder sie hatte kein reines Herz! Wie konnte sie nur glauben, es würde ihrer Schwester besser gehen?
Es klingelt. Die Mutter öffnet die Tür. Ein gut gekleideter Herr mit Koffer steht da. Er nimmt seinen Hut ab.
„Guten Morgen! Wo ist denn das Sorgenkind?“, fragt er freundlich. Sophie kommt dazu. Sie mustert den Mann.
„Welches Sorgenkind? Wovon reden Sie?“, fragt die Mutter. „Ich bin gekommen, um einem kranken Kind zu helfen!“
„Marie? Aber … Ich habe kein Geld …“ „Das brauchen Sie auch nicht!“ Der Arzt betritt die Wohnung. Verwirrt zeigt die Mutter dem Arzt das Zimmer der Kinder. Er setzt sich auf die Bettkante von Marie und öffnet seinen Koffer.
„Ich werde so lange kommen, bis es Dir wieder gut geht! Das habe ich jemandem versprochen.“ „Wem haben sie das versprochen?“, fragt Sophie.
„Dem Weihnachtsstern!“ Er lächelt und zwinkert ihr zu.

2 Gedanken zu “Die Legende vom Weihnachtsstern

  1. da ich selber viele Geschichten schreibe, habe ich diese mit besonderem interesse gelesen. Es ist schade das es heute keine Zeitungen mehr gibt die solche Kurzgeschichten veröffentlichen. Ich erinnere mich an früher, da gab es Rubriken in den Zeitschriften,die sich mit kleine Geschichten befast haben.Ich habe diese als Kind besonders gerne gelesen. Es ist eine sehr schöne Geschichte. Ich wünsche dem Schreiber viel erfolg. Machen Sie weiter so. Danke I. St.

  2. Weihnachten, das Fest der Liebe, der Besinnung, der Solidarität zwischen den Menschen… Ich finde, diese Geschichte erreicht die Herzen vieler Leser. Ja, man sollte seinen Glauben an das Leben und die Liebe zwischen den Menschen niemals aufgeben Die Weihnachtsbotschaft kann kaum besser zu uns gebracht werden, wie durch diese wunderschöne Kurzgeschichte.
    Vielen Dank liebe(r) A. Zamzam.

    Norbert Jüling

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