Aus der Veranstaltungsreihe WIR ist mehr als ICH & DU

„Wer Waffen sät wird Flüchtlinge ernten“

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Pfarrer Hasselblatt und Clemens Ronnefeldt (rechts)

So eine der Kernaussagen bei dem aufschlussreichen Vortrag des Friedensreferenten Clemens Ronnefeldt, der als absoluter Kenner der Krisenregionen, am Mittwoch, bei WIR  ist mehr als ICH und DU, viele neue Einsichten und teilweise ernüchternde Zusammenhänge darlegte, die anschließend beim offenen Austausch über die Hintergründe der aktuellen Fluchtbewegungen vertieft wurden.

 

Manchmal musste der Diplom Theologe und Referent für Friedensfragen des Internationalen Versöhnungsbundes sehr weit ausholen, bis zum Ende des Osmanischen Reiches und auf die, alle angestammten ethnischen oder religiösen Zusammenhänge ignorierenden Grenzziehungen im nahen und mittleren Osten durch die Mandatsmächte Großbritannien und Frankreich zurückgreifen, die am Ende des I. Weltkrieges zu neuen „künstlichen“ Staaten führten. Eine der wesentlichen Wurzeln für immer wieder aufflackernde Konflikte in der Region.

Wie auch an die über 750.000 Palästinenser erinnern, die seit 1948 in Syrien, Jordanien oder dem Libanon mit dem dauerhaften Flüchtlingsstatus in Lagern leben müssen. Oder an die verheerenden Folgen des vom CIA der USA und vom britischen MI6 geschürten Putsch gegen den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Irans Mossadegh, der es wagte British Petrol zu enteignen und deshalb gestürzt und vom Schahregime ersetzt wurde …

Alles entscheidende Momente der Geschichte, die noch heute mit dafür sorgen, dass mindestens seit dem 1. Golfkrieg in den 80er Jahren zwischen Iran und Irak keine Ruhe mehr in die gesamte Region einkehren konnte. So gibt es seit über 10 Jahren andauernde kriegerische Auseinandersetzungen in Nordafrika, im Irak, in Mali, Somalia und im Sudan … mit über 1,3 Mio Toten und unzählig vielen Menschen, die Sicherheit vor Zerstörung und Gewalt als grenzüberschreitende oder als Binnenflüchtlinge suchen.

Hinter den oft als religiöse Konflikte z.B. zwischen Sunniten und Schiiten bezeichneten Auseinandersetzungen stehen tatsächlich klare machtpolitische und wirtschaftliche Interessen. Vor allem, der Ausbeutung von Erdöl- und Erdgasvorkommen. Gerade letztere, genauer die sich widerstrebenden Pläne für Erdgaspipelines von Quatar (im Interesse des Westens) bzw. vom Iran (mit Anschluss an die russischen Vorkommen) jeweils durch Syrien bis ans Mittelmeer sind vor dem Hintergrund der großen ethnischen und religiösen Gruppen die Wurzeln für die aktuellen Kriege in Irak und Syrien.

Nicht nur die strategischen und wirtschaftlichen Interessen des Westens sondern auch die vielfachen unsensiblen politischen Fehler in der Region – siehe Kurdengebiete, Afghanistan, 2. Golfkrieg um Kuwait oder den Krieg gegen das Saddam-Regime und die folgende Besatzerzeit etc. – haben von Taliban über Al Quaida bis IS religiöse Extremisten stark gemacht und stabilisierende (wenn auch undemokratische) regionale Mächte geschwächt.

Kein Wunder, dass gerade aus diesen krisen- und kriegsgebeutelten Ländern und Regionen mit einem hohen Anteil an jungen Menschen, diese sich eine Zukunft in den Ländern suchen, die via Smart Phone, Internet und Sozialen Medien ihnen „frei Haus“ mit dem selbstgeschaffenen Bild von toleranten, demokratischen und sozialen Gesellschaften eine Perspektive in Frieden und Sicherheit versprechen.

Obendrein haben die Kürzungen der Zahlungen in den WFP-Fonds – besonders von europäischen Staaten – die finanziellen Mittel für die großen UN-Flüchtlingslager in der Region so geschwächt, dass hunderttausende ihr Heil in der Flucht nach Europa suchen mussten.

Angesichts der strategischen und weltpolitischen Ziele des Westens und des aktuellen Rekordergebnisses der deutschen Waffenexporte im Jahr 2015 sollte der in der Überschrift zitierte Satz erweitert werden: Wer Konflikte schürt, von Kriegen und Waffenexporten profitiert, der kann und darf sich nicht seiner Verantwortung für Flüchtlinge in den Krisenregionen oder im eigenen Land entziehen.

Schade nur, dass sich am vergangenen Mittwoch für die aufschlussreichen tief- und hintergründigen Informationen über die Ursachen der Flüchtlingsströme aus dem nahen und mittleren Osten nach Europa so wenige Besucher*innen interessierten.

Ob es daran liegt, dass die eigene Betroffenheit abhanden gekommen ist, aufgrund der stagnierenden Zahlen an zuwandernden Flüchtlingen und der damit verbundenen Rückstufung in den Medien, der „Flüchtlingskrise“ aus den Schlagzeilen in das Marginale?

Weiter geht es bei WIR ist mehr als ICH und DU, der Veranstaltungsreihe von Evangelischer Kirchengemeinde zu Staaken und dem Gemeinwesenverein Heerstraße Nord, schon nächste Woche, im Stadtteilzentrum an der Obstallee, mit dem Offenen Altarraum und einer Begegnung und Gesprächsrunde mit einer interreligiösen Besuchergruppe, die aus Spandaus britischer Partnerstadt Luton im Rahmen der Spandauer Kirchentage 15.-17. Juli zu Gast ist.

Dem folgt nur wenige Tage später am 18. Juli die Finissage der Ausstellung WeltReligionen WeltFrieden WeltEthos zu der wiederum Dr. Martin Bauschke von der Stiftung Weltethos als Referent erwartet wird. (s. Artikel von der Eröffnung) Die Ausstellung ist bis dahin noch im Stadtteilzentrum Obstallee während den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

WIR ist mehr ICH und DU
Offener Altarraum
Begegnung und (Glaubens-)Gespräche
mit einer interreligösen Gruppe aus Luton
Mittwoch 13. Juli 17.30-19 Uhr

Finissage der Ausstellung
WeltReligionen WeltFrieden WeltEthos 
Dr. Martin Bauschke: Goldene Regeln in Religion und Philosophie
Montag 18. Juli 17 Uhr

Jeweils im Stadtteilzentrum Obstallee 22 E.

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